Bauland in ländlichen Regionen bedarfsgerecht erschließen

    „Leben im Dorf – Leben mittendrin“ ist ein Modellprojekt der Verbandsgemeinde Wallmerod, das inzwischen weltweit Interesse geweckt hat. Sogar eine Delegation aus Taiwan wird im Sommer 2018 die Gemeinde im Westerwaldkreis besuchen, um das Projekt kennenzulernen, dessen Ziel es ist, der Abwanderung in die Städte oder dem Bauen in Neubaugebieten entgegenzuwirken. Eine Wiederbelebung und Stärkung der Ortskerne sowie der Zuzug junger Familien sind die positiven Effekte.

    Das Bauen im Bestand und in den Ortskernen beschäftige den Berufsstand ständig, so Kammergruppensprecher Stefan Wild aus Montabaur. Im Rahmen der woche der baukultur hat er zusammen mit Verbandsbürgermeister Klaus Lütkefedder und der Kreisgruppe Westerwald des Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz ins Rathaus nach Wallmerod eingeladen. Viele Interessierte waren gekommen, unter ihnen vor allem Architekten/innen und Landschaftsarchitekten/innen, aber auch Ortsbürgermeister aus benachbarten Verbandsgemeinden und die Presse.

    Aus der Pfalz war Prof. h.c. Dr.-Ing. Karl Ziegler von der TU Kaiserslautern angereist, um Hintergrundwissen zu seinem Statement „Wohnraumbedarfe: neues Bauland nicht um jeden Preis“ weiterzugeben. Die Gemeinden seien bei Preisen zwischen 65 und 110 Euro für den Quadratmeter nicht mehr in der Lage, Bauland wirtschaftlich zu erschließen. „Wenn man alle Kosten der Gemeinde für die Baulanderschließung berücksichtigt, kann eine Kostendeckung erst ab einem Grundstückspreis von 120 Euro je Quadratmeter erreicht werden“, so Prof. Ziegler. Der Bodenrichtwert liege jedoch häufig niedriger als die Erschließungskosten, was zur Folge habe, dass die Gemeinden auf der Vorfinanzierung sitzen blieben und „bei der Schaffung von Bauland kräftig drauflegen“. Besonders kritisch werde die Situation, wenn die Aufsiedelung eines Neubaugebietes bei lediglich 25 % liege. Ein Minus von mehreren Hunderttausend Euro sei dann keine Seltenheit. An der TU Kaiserslautern hat Ziegler mit Studierenden einen „Erstkostenrechner“ sowie den „Leerstandsrisiko-Rechner Rheinland-Pfalz“ erarbeitet, der die Entwicklung von Bedarfen errechnet und damit die Gemeinde bei Entscheidungen unterstützt.

    Die Verbandsgemeinde Wallmerod mit ihren 21 Ortsgemeinden sei mit ihrer Lage dicht an der Autobahn und mit Anschlüssen an den ICE in Montabaur und Limburg auch für junge Familien attraktiv, so im Anschluss Bürgermeister Klaus Lütkefedder, und die Dörfer können sich sehen lassen. Frühzeitig habe man bereits 2004 das „Wallmeroder Modell“ aufgelegt, um möglichem Leerstand und der damit einhergehender Verwahrlosung der Ortskerne zu begegnen. Kein neues Bauland werde mehr ausgewiesen, dafür der Kauf und die Sanierung eines Grundstückes oder Hauses im Ortskern finanziell unterstützt. Ein schlankes Antragsverfahren und viel Marketing für das Förderprogramm haben zu einem privaten Investitionsvolumen von rund 53 Millionen Euro geführt, bei Fördergeldern von lediglich einer Million Euro. Die Gemeinde habe Anfang 2018 gleich ein zweites Programm „Lange leben im Dorf“ im Hinblick auf den demografischen Wandel aufgelegt. Auch hierbei wird finanziell unterstützt, diesmal bei barrierefreiem Umbau oder der Schaffung von abgeschlossenen Wohneinheiten. Darüber hinaus gebe es Generationentreffs im Sonderprogramm „Treffpunkt“ mit wöchentlichen Terminen, an denen beispielsweise Bäcker- und Metzgerwagen eine Alternative für den fehlenden Einzelhandel bildeten. Diese Programme seien auch auf die Verbandsgemeinde Westerburg ausgeweitet worden.

    Bei strahlend schönem Wetter ging es dann in zwei Gruppen zu geführten Dorfrundgängen, die zu geförderten und in Planung befindlichen Projekten führten. Zurück am Rathaus wurden die Teilnehmer mit Fassbier und Grillwürstchen empfangen, so dass sich ein Austausch bis in die Abendstunden anschloss.

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